Blockchain und Grundeinkommen als Möglichkeiten für sinnvolle Entlohnung?!

Zu Beginn unserer ersten TheDive Hive Community Veranstaltung, war die Atmosphäre im Raum locker. Feierabendstimmung. Alle 18 Besucher plauderten munter miteinander, knabberten Salzbrezeln, blätterten durch die frische Ausgabe des Neue Narrative Magazins und lachten mit ihren Gesprächspartnern.

Schon in der Vorstellungsrunde wird klar: das Thema NewPay ist wichtig! Und zwar aus ganz verschiedenen Gründen. Wir bei TheDive beschäftigen uns seit unserer Gründung immer wieder damit, wie wir Sinn und Geld gut miteinander vereinen können. Denn mit einer Netzwerkorganisation geht eine Werte- und Machtverteilung einher, was wiederum eng mit Geld, Lohn, Erwerbsarbeit und Bezahlung zusammenhängt. Die Veranstaltung drehte sich allerdings nicht darum, wie wir dieses Thema angehen, sondern zwei Gäste erzählten uns von ihren Ansätzen.

 

Ein Unternehmen gehört sich selbst

Als erster Programmpunkt steht Vitus Zeller auf der Agenda, Gründer des Start-ups Starwings, welches detailliert in der aktuellen Ausgabe des Neuen Narrative Magazins zum Thema Sinn vorgestellt wird. Vitus ist Experte, wenn es um die Themen Purpose-Netzwerke, Blockchain und Bitcoins geht. Schon wenige Minuten nachdem er angefangen hat zu sprechen, wird die Konzentration im Raum greifbar und alle 18 Teilnehmer folgten seinen Worten aufmerksam. Denn so einfach ist das alles gar nicht zu verstehen mit diesen dynamischen Arbeitsmodellen. Aber fangen wir von vorne an.

“Früher als wir noch in Stämmen über die Prärie zogen, war alles kollektives Eigentum”, beginnt Vitus seinen Impulsvortrag. Erst als der Landbesitz Stämme in Familien zerfallen ließ, übernahmen Einzelpersonen Verantwortung für ihren eigenen Besitz. “Seit ich Starwings gegründet habe, ist die Firma für mich so etwas wie mein eigenes Baby”. Mehr Selbstverantwortung durch Privateigentum also: So weit so gut.

Das Problem mit Privateigentum ist, dass es unendliches Unternehmenswachstum provoziert. Denn man kann Unternehmen kaufen und teurer wieder verkaufen, ohne irgendetwas verändert haben zu müssen. Beim Verkauf verlieren Unternehmen ihre “Eltern” und plötzlich fühlt sich niemand mehr verantwortlich.

Um dieses Problem zu lösen, gehört Starwings nicht nur den Gründern, sondern allen Mitarbeitern. Jeder fühlt sich mitverantwortlich. Die Software die diese moderne Art der Bezahlung möglich macht, heißt bei Starwings “Stardust”. Sie hilft, auf Basis von produktiven Arbeitsstunden und individuelle Investitionen, den Wert eines jeden Mitarbeiters zu ermitteln. Die Software hat jedoch nicht das letzte Wort. Am Ende entschiedet jeder für sich, wie viel Bezahlung ihm*ihr zusteht.

Damit öffnet sich ein Raum für Freiheiten im alltäglichen Arbeitsleben: Wann und woran welcher Mitarbeiter wie intensiv arbeitet, bestimmt er*sie selbst. Gerade als die Zukunft der offenen und dezentralen Organisationen halbwegs greifbar wird, ist Vitus Vortrag zu Ende und alle Hände schießen in die Höhe.

Welche anderen Use Cases gibt es? Kann man die Wertschöpfung nicht auch in Freundlichkeit oder Ähnlichem messen? Wie kann ein Unternehmenswert in diesem System abgebildet werden? Wie sieht das mit der Transparenz aus und was passiert mit den Mitarbeitern, deren Leistung nicht optimal ist? Und wie ist das denn mit dem Energieverbrauch von Bitcoins? Vitus scheint sich über diese Fragen schon viele Gedanken gemacht zu haben. Doch so spannend es auch ist, machen wir einen Cut, denn wir haben noch einen zweiten Gast.

 

Bedingungsloses Grundeinkommen

“Dreht euch doch mal zu eurem Nachbarn und sagt ihm, wie viel Geld ihr gerade verdient und was in diesem Moment auf eurem Konto liegt”, eröffnet Anne Kliebisch von Mein Grundeinkommen e.V. ihren Vortrag. Alle lachen zuerst, doch dann hört man in den Gesprächen immer mehr geflüsterte Zahlen.

Sofort wird klar, dass wir über dieses Thema nach wie vor wenig zu sprechen scheinen und einfach fällt es uns auch nicht. Anne setzt sogar noch einen drauf, denn Einkommen ist für sie nicht nur ein Tabuthema, sondern auch ein Identitäts Thema: Was ist mir meine Arbeit wert und was bin ich mir wert?

Als der Damm einmal durchbrochen ist, gibt es unglaublich viel zu besprechen. Anne bestätigt: “Wenn es um Geld geht, geht´s eigentlich um was anderes”. Die Diskussionen über Einkommen, werden bei Mein Grundeinkommen als Feedback-Vehikel genutzt, das diese schwierigen Tabuthemen hervorbringt und diskutierbar macht.

Annes Vortrag ist gefüllt mit inspirierenden und erstaunlichen Fallbeispielen. Die Geschichte von Mark ist mir besonders präsent im Gedächtnis geblieben. Er hatte aufgrund seiner chronischen Darmerkrankung seinen Job verloren. Nach nur acht Wochen mit Grundeinkommen, waren seine Symptome fast vollständig verschwunden. Aber existentielle Sicherheit kann sich nicht nur positiv auf die Gesundheit auswirken, sondern zum Beispiel auch auf unser Sozialverhalten oder Mut, bis hin zu unserer Beziehung zu Bildung, Arbeit oder Sinnhaftigkeit des Lebens.

Und dabei wird immer deutlicher, dass Grundeinkommen eigentlich keine Zahl ist, sondern ein Gefühl. Und dieses Gefühl kennt bei Mein Grundeinkommen jeder, denn dort leben sie diese Werte auch nach innen, in der eigenen Organisation. Ein kleiner Ansturm an Fragen und Gesprächsbedarf prasselt Anne entgegen:

Kann ein bedarfsorientiertes System nicht diskriminierend sein, wenn man sich für seine Bedürfnisse rechtfertigen muss? Diese Vertrauensbasis setzt doch voraus, dass man den Charakter aller anderen Kollegen kennt, oder? Was passiert wenn das Grundeinkommen flächendeckend ausgerollt wird?

Doch zwanzig Minuten reichen nicht aus, um das Thema in Gänze zu durchdringen. Deshalb diskutieren wir über die Impulse von Vitus und Anne in Kleingruppen weiter: darüber, was die Vorträge und Diskussionen ins uns auslösen und welche Entwicklungsimpulse gerade spürbar werden. Eine Frage kann währenddessen besonders häufig herausgehört werden: Was würdest DU eigentlich tun, wenn du ein Grundeinkommen hättest?

 

Bevor wir die Runde auflösen, wollen wir noch ein bisschen träumen und stricken Utopien von einer besseren Welt. Eine Welt, in der Algorithmen und Maschinen die Wertschöpfung übernehmen und in der Geld nicht mehr benötigt wird. In der eine andere Basis für das Zusammenleben und verantwortungsvolles Verhalten entstehen. Was passiert eigentlich genau, wenn wir nicht mehr arbeiten müssen, sondern das machen können, was wir wollen?

“Stärker in Verbindung mit uns, anderen und der Umwelt treten. Freiheit für Solidarität haben…”, antwortet eine Stimme aus der Runde sofort. Als das Schwelgen kein Ende zu finden scheint, zerplatzt eine sozialdarwinistische Stimme unsere schöne, homogene Traumblase, die lautstark nach einem Synonym für Wettbewerb verlangt, um Reibung zur Weiterentwicklung in diesen Traumwelten auch mitzudenken. Zum Glück. Denn das Thema ist zu komplex, um es nicht aus verschiedenen Standpunkten zu betrachten.

“Lasst uns ein besseres Jetzt schaffen!”, das scheint der Konsens der intensiven Diskussion zu sein. Denn auch die gegensätzlichen Stimmen sind sich am Ende des Abends einig: Purpose und Profit können Hand in Hand gehen und überall gibt es erste, gut funktionierende Ansätze. Wir müssen nur weiter machen.