Stars und Sternchen der New Work Szene

Standing Ovations auf Konferenzen sind eher eine Seltenheit. Bei der New Work Experience von XING gehörte die Mainstage und die Aufmerksamkeit am 30. März bis spät den in den Abend dem Philosophie-Professor und New Work-Vordenker Frithjof Bergmann. Als er sich nach einer guten Stunde das erste Mal vom Publikum im Berliner Westhafen verabschiedete, ließ ihn dieses kaum die Bühne verlassen, so berührt und begeistert war der Saal.

Den Vortrag – es war mehr ein Vortrag als eine Unterhaltung – könnt ihr online sehen, was mich auch persönlich freut, denn unser Workshop, den wir von TheDive zusammen mit drei Partnern aus dem Hörbuch+ gegeben haben, lief parallel zu Bergmans Vortrag. Trotz der harten Konkurrenz war unser Workshop gut besucht und es fand ein reger Austausch statt. Aber dazu später mehr.

Seit heute könnt ihr die Videos der einzelnen Sessions online sehen. Da nicht alle Sessions gefilmt wurden, findet ihr hier außer einer Auswahl von uns empfohlener Sessions auch Audiomitschnitte – beispielsweise von der ungeplanten Session mit Bergmann.

Vorweg seien aber noch die Gewinner des New Work Awards gewürdigt!!

In der Kategorie ‚Junge Unternehmen’, für die auch wir nominiert waren, haben gewonnen:
1. Edition F
2. Pippa und Jean
3. Leadership3

Ein Interview mit Leadership3 findt ihr hier auf unserem Blog.

In der Kategorie ‚Etablierte Unternehmen’ wurden prämiert:
1. Cisco Deutschland
2. Traum Ferienwohnungen GmbH
3. Tele Haase Steuergeräte GmbH

Und last but not least in der Kategorie ‚New Worker’ gab es sechs weitere glückliche Gewinner, die ihr hier findet.

Ich habe mich entschieden, das so zu sehen: Ich arbeite nicht mehr, ich mache nur noch Dinge. Und ich mache die Dinge entweder gleich oder gar nicht.

Van Bo Le-Mentzel zu Arbeit und ToDo-Listen

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New Work – Manifest für das 21. Jahrhundert

Zurück zum eigentlichen Tag. Starten wir mit dem Vordenker der New Work Bewegung. Bergmann erzählt, wie er bereits in den späten 70er Jahren in den USA ein „Centre for New Work“ gegründet hat, um den Menschen, die ihre Jobs damals an Computer verloren, zu helfen, heraus zu finden, was sie „wirklich, wirklich wollen“. Nach Bergmann sind aber nicht nur Fließbandarbeiter weit entfernt davon zu wissen, was sie „wirklich, wirklich wollen“, sondern letztlich die meisten Menschen, die im sogenannten „Jobsystem“ arbeiten. Uns ist die „Begierde“ abhanden gekommen, sagt Bergmann.


Nun hat der 86jährige Professor jahrzehntelange Erfahrung darin, Menschen zu begleiten und ihnen zu helfen, herauszufinden, was sie „wirklich, wirklich wollen“. Die Antwort auf die Frage, was das sei: „Etwas wie ‚to make a difference‘“, sagt Bergmann. Entgegen der Annahme, dass das Ergebnis egoistisch sein könnte, wollen die meisten Menschen für die Gemeinschaft aktiv werden. Der Mensch möchte auch, dass es anderen gut geht. Er möchte arbeiten – nicht in einer Welt von getrennt wetteifernden eigennützigen Egoisten, sondern für etwas, das Leben geben kann. Bergmann plädiert weiterhin dafür, dass wir feiern sollten, wenn Leute entlassen werden, weil sie sich nur dann den Raum nehmen können, sich zu fragen, was sie wirklich, wirklich wollen. Sprachlich sei Leute „beschäftigen“ doch auch völlig absurd.

Man könnte meinen, dass Bergmann auf der New Work Experience Eulen nach Athen bringt, aber letztlich sind die meisten von uns immer noch in einer Arbeitswelt sozialisiert, in der es nicht darum geht, sich gemeinnützig, gemeinsam und sinnerfüllt, gerne und fleißig uns selbst führend zu beschäftigen.

Neue Deutschland Studie – Prof Dr. Hilmar

Dass nicht alle Menschen das wollen, ergibt die Neue Deutschland Studie, vorgestellt von Prof. Dr. Hilmar, leider hier nur teilweise und in nicht so guter Audioqualität aufgenommen. Vor allem die drei kleineren Räume, Docks genannt, waren größtenteils zu voll und auch nur teilweise für Audiomitschnitte ausgestattet. Dennoch am Ende dieses Artikels der Mitschnitt und ein paar Bilder von einigen Slides.

Before you can change the world you have to fix yourself. If you don’t fix yourself, you’re doomed. Then you can ask yourself: What am I good at? What am I terrible at? What are my goals for the next five years? What are the next steps?

Federico Pistono, Futurist und Internetaktivist

Reinventing Organizations – was bewegt Organisationen neuen Typs?

So sinnvoll der noch folgende kopflastige Input und die gesellschaftliche Analyse ist, so wichtig ist es aktiv, in den Austausch zu gehen. In dem Workshop „Reinventing Organizations – was bewegt Organisationen neuen Typs?“ haben wir von TheDive zusammen mit drei Partnern aus dem Hörbuch+-Projekt darüber gesprochen, was es heißt, selbst anzufangen, eine neue Arbeitskultur umzusetzen.
Dafür hat Simon Berkler erstmal das Publikum in einer Murmelsession sich gegenseitig erzählen lassen, was „New Work“ für sie bedeutet:

Was ist New Work? from The Dive on Vimeo.

Dann haben wir das Hörbuch vorgestellt und nach einer Diskussion unter den drei Hörbuch-Partnern die Runde für das Publikum geöffnet. Wie sich in der großen Runde zeigte, ist der Wunsch nach neuen Arbeitsstrukturen und -kulturen groß.

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The Superstar Economy – Federico Pistono

Ein Highlight ganz zu Beginn des Tages war der Internetaktivist Federico Pistono und seine Keynote über die Superstar Economy. Federico Pistono beschreibt in seinem Vortrag „The Superstar Economy“ wie die als Einhörner betitelten Tech-Unternehmen unsere Welt umkrempeln und was wir für die Zukunft möglichst schnell daraus lernen sollten. Er nutzt dafür aufschlussreiche Zahlenvergleiche, beginnt aber mit der Frage: Was ist Disruption?
Disruption ist vermutlich ein Wort, dass bei vielen Gänsehaut auslöst – aus Lust oder aus Angst. Aus Lust, weil kreative Zerstörung ein essentieller Teil von neuen Erfindungen ist. Damit meine ich die Erfindung von neuen Gadgets, genauso wie die Schaffung neuer Unternehmen, neuer Märkte und neuer Geschäftsmodelle, die alte ablösen. Natürlich haben alle, die jetzt gut im Geschäft sind, Angst davor, bald vielleicht das nächste Unternehmen zu sein, welches von einem Start-up vom Markt gewischt wird.

Letztlich ist diese Geschichte keine neue Geschichte. Viele alte Jobs existieren heute nicht mehr. Aber dafür sind viele neue Jobs entstanden, von denen wir vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch nichts wussten. Trotzdem glauben die wenigsten Zuschauer, dass wir hier eine immer gleiche Leier hören. In den letzten sieben Jahren hat Federico Pistono von vielen Bühnen aus zahlreichen Menschen diese Frage gestellt und mittlerweile glauben die meisten Zuschauer: Nein, diesmal ist es anders.

Was ist anders? Das Tempo und die unfassbaren Zahlen, mit denen wir konfrontiert sind. 1984 hatte ein Arbeitnehmer 30 Jahre Zeit, sich neue Fähigkeiten anzueignen. 2014 ist diese Zeitspanne auf fünf Jahre gesunken und 2022 sind es vielleicht nur noch drei Jahre oder sechs Monate – niemand weiß das so genau. Aber wir wissen: Das Tempo steigt. Immer neue Kompetenzen zu lernen, sich immer wieder neu zu erfinden, ist essentiell.

The creater economy which has created facebook and twitter and LinkedIn and Xing where the value of these companies is actually created by the users. If you take away the users who create the content, the company is worth zero because there is nothing inside.

Federico Pistono, Futurist und Internetaktivist

Allerdings könnte das nicht das einzige sein, was wir uns für die Zukunft merken sollten. In der Superstar Economy, von der Pistono spricht, werden immer weniger Menschen überhaupt einen Job haben. Walmart, 1962 gegründet, hat einen Wert von über 260 Milliarden und über zwei Millionen Angestellte, die im Schnitt einen Wert von 117 Tausend Dollar produzieren. Facebook, 2004 gegründet, hat einen Wert von über 230 Milliarden, etwas mehr als 9.000 Angestellte, die im Schnitt einen Wert von 25 Millionen Dollar produzieren. Whatsapp, 2009 gegründet, hat einen Wert von 16 Milliarden mit 55 Mitarbeitern, die 290 Millionen im Schnitt produzierten als sie 2014 von Facebook aufgekauft wurden (Hier übernehme ich Pistono’s Zahlen, auch wenn ich 19 Milliarden als Kaufpreis kenne).

 

Die dunkle Seite dieses Systems ist aber nicht nur, dass immer weniger Menschen, immer mehr verdienen – derzeit besitzen 300 Menschen, so Pistono, mehr als die unteren 3,5 Milliarden zusammen. Die Kehrseite der Superstar Economy ist auch, dass unsere Gesellschaften über Steuern funktionieren, aus denen sich die Großverdiener heraus tricksen. Apple beispielsweise zahlt weniger als ein Prozent Steuern auf die weltweiten Einnahmen. Wir brauchen also einen neuen Deal, der für Pistono mit bedingungslosem Grundeinkommen zu tun haben könnte. Noch viel wichtiger ist aber für ihn auf globaler Ebene über ein neues Verhältnis zwischen privaten Unternehmen und Regierungen nachzudenken. Europa müsse dabei die Führung übernehmen, weil nur hier „People over Profit“ gilt.

The Future of Work – Dr. Carl Benedikt Frey

Wer noch mehr Zahlen und internationale Vergleiche will, sollte sich den Vortrag von Carl Benedikt Frey anhören. Im Kern spricht auch Frey davon, dass die Angst seinen Job an eine Maschine zu verlieren so alt ist, wie das Konzept von Arbeit an sich. Schon die Römer…und so weiter. Auf dieser Grundlage steigt Frey in die Unterschiede ein, welche Jobs vermutlich automatisiert werden und welche nicht. Die drei entscheidenden Felder, in denen Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft weiter Maschinen übertrumpfen, sind:

1. Wahrnehmung und Manipulation von Objekten: Ein Wasserglas als solches zu erkennen und hochzuheben, ist wesentlich komplexer einer Maschine beizubringen als wir vielleicht denken. Wenn wir dann an die Vielfalt der Gegenstände in einem Haushalt denken, ist eine Roboter, der alles reinigt, in weiter Ferne. Woran kann ein Roboter schon einen Blumentopf von einem dreckigen Topf unterscheiden?

2. Soziale Intelligenz: Ja, es gibt Chat Bots, die schon überzeugt haben, wenn auch als 13jähriger Junge mit Englisch als zweiter Sprache. Aber wenn wir beispielsweise an Teamführung denken oder an Verhandlungsgeschick, dann sind Computer auch da noch weit abgeschlagen von menschlichen Fähigkeiten.

3. Kreativität: Auch hier plädiert Frey für uns Menschen, weil Computer zwar schon klassische Musik komponieren können und auch Bilder malen, die als Kunst verkauft wird, aber immer noch wir als Konsumenten darüber entscheiden, was wirklich neu und notwendig ist.

Außerdem wird nicht alles automatisiert, nur, weil es automatisierbar ist. In Japan beispielsweise gibt es viel mehr Roboter in der Altenpflege, in Schweden nicht. Nissan produziert in Japan weitgehend automatisiert, in Indien sind gering bezahlte Arbeitskräfte in den Produktionsstätten zu finden.
Aber – ähnlich wie Pistono – sieht auch Frey eine wachsende Kluft zwischen den Löhnen weltweit und auch Frey beobachtet, dass wer vermögend ist, noch mehr bekommt. Genauso wie die neuen Großunternehmen, weniger Jobs erschaffen haben als die alten Großunternehmen.
Die ökonomischen Bewegungen übersetzen sich bereits in politische, so Frey, und nennt den Brexit und die Wahl von Trump.

Ungeplante Diskussion mit Frithjof Bergmann

Es ist eine ganz ganz andere Art zu leben – das rufe ich Euch zu von dieser komischen Bühne!

Frithjof Bergmann

Da tut es gut, zum Abschluss der New Work Experience noch einmal den charismatischen Frithjof Bergmann zu erleben, der mit so einer Eindringlichkeit seine Überzeugungen erzählt und gleichzeitig die Augenhöhe mit seinen Zuhörer*innen sucht. Welch ein Glück, dass wir die ungeplante zweite Session von Bergmann besuchen konnten und auch mitschneiden durften.

Frithjof Bergmann im Dock 1 bei der zweiten, ungeplanten Session

Die New Work Experience war ein voller Erfolg, auch wenn vor allem die linke Gehirnhälfte angesprochen wurde. Wie wichtig unsere linke Gehirnhälfte und der Rest unseres Körpers für eine neue Arbeitskultur ist, wird hoffentlich auf der nächsten New Work Experience in Hamburg kommendes Jahr mehr Raum finden.

Brauchen wir noch Alphatiere?

Schönstes Zitat aus dieser Session von Bodo Janssen: „Fragen zu stellen ist wichtiger als Antworten zu geben.“

Neue Deutschland Studie

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Lost in Transformation

Zehn Thesen zur Zukunft der Arbeit

Wenn plötzlich alles anders kommt – Agiles Behördenmanagement in der Flüchtlingskrise

 

 

Visual Recording zur Session
Ergebnis des Session

Was wir brauchen ist eine Kultur des intelligenten Irrtums.

Niels Pfläging in Abgrenzung zu Fehlerkultur