„Teal sind die kleinen Schritte“

„Reinventing Organizations“ – der Leitfaden für sinnstiftende Zusammenarbeit des belgischen ehemaligen Unternehmensberaters Frederic Laloux hat in den letzten Jahren viele Menschen inspiriert. Nun läuft die Crowdfunding-Kampagne, um aus dem Buch ein Hörbuch+ zu machen: Eine lebendige Hörbuchfassung plus Interviews mit Organisationen, die begonnen haben „teal“ zu arbeiten und sich seit dem Erscheinen des Buchs 2013 auf den Weg gemacht haben. Plus auch, weil TheDive auf einer Online-Landkarte Artikel, Videos, Interviews und letztlich die „teal“ Community versammeln und stärken will. Meik Schwalm von TheDive und Initiator des Hörbuch+ erzählt den Weg, den das Projekt genommen hat.

Wie kam es zu der Idee, aus Laloux’ „Reinventing Organizations“ ein Hörbuch zu machen?

Ich habe Laloux vor ungefähr zwei Jahren gelesen, viele Anläufe gemacht und letztlich auf den nächsten Urlaub gewartet, um mich dem wirklich widmen zu können. Als ich Laloux letztes Jahr bei einem Vortrag auf dem Forever Now Festival erlebt habe, dachte ich: ‚Mensch, irgendetwas muss passieren, dass diese großartigen Ideen auch für’s Ohr bereit gestellt werden‘. Außerdem hatte ich Lust meine Sprechertätigkeiten mal wieder aufzufrischen. Da ich schon gehört hatte, dass jemand das englische Hörbuch in Eigenregie produziert, habe ich Laloux einfach direkt gefragt, ob er sich eine deutsche Version des Hörbuchs vorstellen kann.

Damals war die Idee noch die Firmen zu befragen, die auch in „Reinventing Organizations“ auftauchen. Laloux hat direkt eine sehr positive Rückmeldung gegeben und mir die Kontaktdaten zum Verlag vermittelt. Das definitive ‚Go‘ kam dann im Januar 2016.

Mit Katharina habe ich die Idee weiter bewegt, auch Seiten probegelesen und gemerkt, dass ein professioneller Sprecher sinnvoller ist. Um das Projekt gut aufzuziehen, haben wir die Gruppe um Lena und Emily erweitert und dabei ist klar geworden, dass wir das Hörbuch mit Interviews und Onlinelandkarte zu einem Hörbuch PLUS machen.

Jetzt werden aber nicht die Firmen aus „Reinventing Organizations“ auftauchen, sondern andere. Warum?

Bei Laloux’s Vortrag in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum habe ich ihm noch einmal von dem Projekt erzählt. Er fand es weiter super, auch dass ich das mache, ohne auf dem Sektor Erfahrungen zu haben. Er hat aber auch gesagt, dass es für ihn am interessantesten wäre, diese Welle zu verfolgen, die da rollt und die Community zu stärken statt mit seinem kalten Kaffee zu arbeiten.

Die Kampagne läuft gerade als Hörbuch+ bei startnext. Findest du die Idee immer noch gut?

Das Hörbuch an sich halte ich immer noch für eine super Idee. Hinter der „Reinventing Organizations“-Fassade kann viel zusammengefasst werden von dieser neuen Welle, dem Zeitalter der Komplexität, Management 4.0 und der Frage, was braucht man da für Fähigkeiten? Ich gehe davon aus, dass dieses Buch über lange Zeit sehr aktuell bleiben wird. Aber wenn ich auf die Kampagne gucke, habe ich gemischte Gefühle.

Wir kriegen unglaublich viel positives Feedback, aber das schlägt sich noch nicht in Zahlen nieder. Für uns ist die Herausforderung jetzt, das PLUS hervorzuheben, um das es uns geht. Wenn ihr „Reinventing Organizations“ schon kennt, vernetzt euch, erweitert euren Horizont, hört euch an, wie die Unternehmen neuen Typs klingen, hört euch Interviews von Leuten an, die damit arbeiten, die auch von ihren Problemen erzählen und teilt Lösungen. Das alles wollen wir auf einer Seite festhalten, die Spaß macht zu navigieren. Das ist in der Kampagne der nächste Abschnitt.

Du arbeitest bei TheDive selbst auch nach diesen Prinzipien – beschreibe Deinen Arbeitsalltag: In welchen Situationen unterscheidet er sich von nicht-„teal“ bzw. „früher“?

Ein großer Aspekt – den Laloux als Ganzheit beschreibt – ist für mich Menschlichkeit. Das bringt ein neues Verständnis von Produktivität mit sich: Es passiert keine Abspaltung in der Form, das ich bei der Arbeit mit einem anderen Energielevel bin als zu Hause. Und das birgt auch die Möglichkeit sich zu zeigen und sich einzubringen. Zum Zeigen gehören Gefühle und auch seine Unsicherheit mit einzubringen, keine Antworten zu haben, sondern auch Fragen zu stellen. Das ist für mich der größte Unterschied.
Dazu gehört auch, sich nicht mehr nach Hierarchien zu sortieren, sondern nach Fachwissen und nach Kompetenz auszurichten. Es geht darum, die Rollen fluide zu halten und nicht Macht oder Ego als Zentrum von Entscheidungen zuzulassen.

Welche kleinen Formate machen für dich „teal“ im Arbeitsalltag aus?

Zum Beispiel Check-in und Check-out bei Meetings: Bevor Meetings anfangen wird geguckt: Wie bin ich hier, wie begegne ich den Kollegen, was biete ich ihnen als Fassade und was passiert gerade drinnen? Was geht in meinem Leben vor sich, mit welchen Gefühlen bin ich hier, was beschäftigt mich gerade auf einer nicht nur fachlichen Ebene.

Beim Check-out wäre das: Mit was gehe ich, mit welchen Gefühlen, mit welcher Energie? Was hat mir der Tag gebracht? Das bedeutet auch, klarere Abschlüsse mit den Personen zu finden, offene Fragen anzusprechen. Das miteinander in Kontakt gehen steht im Vordergrund.
Ein anderes Format ist gemeinsames Schweigen. Eine Stille, eine Meditation, um sich einzugrooven. Das dient der Vernetzung untereinander und der Klarheit, dass wir alle miteinander verbunden sind und an einem Strang ziehen.

Welche großen Momente, Strategien sind „teal“ in deinem Arbeitsalltag?

Ein riesiger Punkt ist feedbackbasiertes Gehalt, sprich: Jeder bestimmt sein Gehalt in einem Feedbackprozess selbst. Das bedarf einer großen Offenheit und eine bestimmte Unternehmenskultur, weil dieses Feedback erlernt werden muss.

„Teal“ sind aber tatsächlich die kleinen Schritte. Es gibt nicht das „teal“ Konzept, sondern die „teal toolbox“. Das ist auch eine große Frage zu dem Hörbuch und den Interviews, die wir machen wollen: Wann ist eine Organisation „teal“? Weil sie ein zwei Formate anwenden oder ist das doch etwas Größeres? Eine Unternehmenskultur wie der Gedanke PPP – Planet, People, Profit – und eine gemeinsame Mission, die darauf zielt Transformation zu bestärken oder zu unterstützen.

Was heißt Planet, People, Profit bei TheDive?

Unsre Unternehmensphilosophie steht auf den drei Säulen People, Planet und Profit. Es darf also durchaus gewinnorientiert gearbeitet werden. Geld zu erwerben ist nichts Verbotenes. Gerade in den 80er Jahren hat sich das widersprochen: Arbeitest du mit Geld, dann bist du ein Kapitalist und nur wenn du kein Geld hast, dann kannst du auf einer anderen Ebene Menschen berühren. Profit ist Teil der Geschichte.

Daneben gleichwertig steht der „People“-Gedanke: Was können wir als Menschen untereinander in unserem Arbeitsfeld tun und was können wir für andere Menschen tun, die nicht so viel haben. Das leben wir bei TheDive beispielsweise dadurch, dass wir einen bestimmten Prozentsatz abgeben und andere Organisationen unterstützen, die mit Leuten arbeiten, die nicht die finanziellen Mittel haben.
Hinter „Planet“ verbergen sich die Fragen: Was ist nachhaltig? Wie schonen wir die Ressourcen unseres Planeten? Ob das jetzt Umweltpraktiken sind, ob das umweltfreundliches Papier ist oder unsere Flugreisen zu minimieren und vieles mehr.

Diese drei Säulen sind Grundlage unserer Vision von TheDive – so helfen wir anderen Unternehmen sich zu transformieren und wenden die Vision auch selbst an.

Wo siehst du die Knackpunkte in dieser Arbeitsweise?

Wir sind ein junges Unternehmen, welches großen Zuspruch von außen erhält und es ist unglaublich schwierig, diesem Strom der Euphorie, diesem Wachsen eine klare Struktur zu geben. Wir arbeiten mit großer Transparenz: Wie kriegt man möglichst viele Leute informiert? Woher bekommt man die Informationen, die relevant sind und wie kriegen wir das hin, dass nicht doppelt gearbeitet wird? Das sehe ich als ein großes Thema von TheDive in dieser Phase.