Unternehmen als Marktplatz

Jörn Apel, einer der Founder von TheDive war eigentlich auf der Suche zu verstehen, wie Communities innerhalb von Organisationen funktionieren. Das Buch „Connected Company“ hat ihm klar gemacht, dass Unternehmen an sich schon Communities sind und interessante Perspektiven geliefert, wie diese so aufgebaut werden, dass Kunden und Mitarbeiter selbstgesteuert miteinander agieren.

Was hat dich begeistert?
Erstmal bin ich immer dann begeistert, wenn ich Bestätigung für die Ideen bekomme, die wir entwickeln. Dieses Buch bestätigt mich darin, dass sich Firmen komplett neu organisieren werden. Weg von der Pyramidenhierarchie hin zu vernetzten Gebilden. Wie genau die aussehen, wissen wir alle noch nicht.

Dass das Buch am Anfang auf fünf Seiten zusammengefasst ist, finde ich rein schon von der Aufmachung super – gut für Querleser.

Die vielen handgezeichneten Bilder nehmen den Anspruch weg, dass alles fertig und perfekt sein muss. Es geht um Skizzen und das passt sehr gut zu dem Thema.

Kurze Zusammenfassung?
Ich würde von hinten beginnen: Die Schlüsse, die gezogen werden, sind die gleichen, die Frederic Laloux zieht, wenn er sagt, dass die Firmen dezentraler werden und wir Strukturen bauen müssen, in denen wir den Austausch zwischen den Parteien relativ frei organisieren. Aber der Einstieg ist ein anderer: Dave Gray sagt, dass die Anforderungen der Kunden sich so stark verändern – dadurch das sie sich im Internet zusammenschließen können – dass die Unternehmen sich noch radikaler als bisher auf die Kunden ausrichten müssen. Das ist eine andere Einflugschneise als Laloux, aber mit dem gleichen Ergebnis: Unternehmen werden sich in ihrem Aufbau und Selbstverständnis grundlegend verändern. Bei Laloux ist es die innere Notwendigkeit seitens der Mitarbeiter, die zur Veränderung führt. Gray beschreibt die Notwendigkeit aus Kundensicht, wie diese sich ändern und kommt dann zu dem Punkt, dass eine Organisation ein lernendes Gebilde ist, die in einem ständigen interaktiven Austausch mit den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten ist.

Das Verständnis, wie wir solche Strukturen bauen und pflegen, kann sehr stark daraus abgeleitet werden, wie wir Communities bauen, was Gray auch aufschlüsselt. Zum Schluss bietet Gray noch ein paar konkrete Beispiele, wie wir eine bestehende Organisation transformieren können in eine „Connected Company“.


What I have come to realize is that without organizational and management innovation, business model innovation and adaption to today’s fast-changing world rarely happens. To make it happen, we need to build new spaces for experimentation and learning.
– Alexander Osterwalder, Echandens, Schweiz, Juni 2012, Seite XV

Welche der Zeichnungen hat dich angesprochen?

Aus Dave Gray "Connected Company"

Wir experimentieren damit, wie wir unser Organigramm malen und das kommt dem schon relativ nahe. Es erinnert stark an einen Organismus, an eine zelluläre Struktur. Es sieht auch unfertig, lebendig aus und gleichzeitig klar. Diese Idee von fraktal, dass sich die große Idee im Kleinen abbildet, ist auch sehr schön zu sehen. Mir ist es allerdings noch nicht offen genug. Ich könnte mir vorstellen, dass die Membran noch durchlässiger ist.
Spannend ist auch seine Idee der ‚pods’, die wir Kreise nennen. Pods sind kleine autonome Einheiten innerhalb eines Unternehmens, die Services anbieten und selbst verantwortlich sind dafür, wie ihre Services auf die Straße gebracht werden.

Aus Dave Gray "Connected Company"

Diese Zeichnung hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken: Wie können wir eine Organisation wie TheDive, so bauen, dass sie diese Plattform bereit stellt und alle können sich da, so wie sie wollen, andocken und können in Interaktion gehen. Wie auf einem Marktplatz, auf dem Menschen, die etwas in Bezug auf ein gemeisames Anliegen, einen gemeinsamen Sinn brauchen und etwas anbieten wollen in Interaktionen gehen. Die Idee finde ich super.

Hat dich etwas überrascht in dem Buch, etwas, womit du nicht gerechnet hast?
Was mich überrascht, ist, dass Gray aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus argumentiert. Normalerweise kommen Strömungen wie Dezentralisierung und Demokratisierung von Unternehmen eher aus einer gesellschaftlichen, soziologischen Ecke. Gray spricht knallhart von einem wirtschaftlichen Zwang. Das gefällt mir auch nicht immer so gut in dem Buch, weil er nach wie vor so tut, als sei Profit das einzig wichtige. Gray geht überhaupt nicht auf Werte, Kultur oder die globale Ebene ein. Die Frage, wie Wirtschaft funktionieren muss, damit dieser Planet überleben kann, taucht gar nicht auf. Anders gesagt, ist das aber auch gerade die Chance, weil wir zu den gleichen Schlüssen kommen und damit auch die Leute erreichen können, die aus einer reinen ‚Business-Denke’ kommen.

Wem würdest du das Buch empfehlen?
Ich würde das Buch jedem empfehlen, der sagt, diese ganze Selbstorganisation ist doch nur linksalternatives Utopie-Gebaren. Und zwar aus dem Grund, weil Gray deutlich macht, dass Amazon und viele anderen Großunternehmen, auf die viele Business-Menschen mit Bewunderung gucken, schon längst verstanden haben, wo die Reise hingeht. Zwar nicht in allen Dimensionen, die uns jetzt wichtig sind, aber zumindest in der strukturellen Dimension.

Außerdem würde ich es generell Leuten empfehlen, die sich damit auseinandersetzen, wie sie ihre Firma strukturieren wollen. Gray formuliert die Idee aus, dass ich gar nicht so viel vorgeben muss. Ich bin Serviceprovider und meine Mitarbeiter und Kunden sind Marktplatzteilnehmer. Das bringt mich als Chef in eine ganz andere Haltung. Ich muss einen Marktplatz bauen, der die Mitarbeiter anzieht und der Interaktionen möglich macht. Das ist eine super Grundidee für die Frage: Wie baue ich eine Organisation auf? Wie führe ich eine Organisation? Durch serviceorientierte Führung.

Wie liest sich das Buch? Nebenbei oder doch lieber in der Bibliothek?
Man kann das Buch locker nebenher lesen. Ich habe das Buch im Urlaub in zwei, drei Tagen gelesen und konnte es auch nicht aus der Hand legen. Gerade die Frage, wie baut man eine „Connected Company“ konkret hat für mich den Spannungsbogen gehalten.

Konntest du schon anwenden, was das Buch dir mitgegeben hat?
Ja, ich bin aus dem besagten Urlaub mit der Idee gekommen, dass wir TheDive als eine Art von Plattform denken müssen, erstmal. Noch nicht unbedingt bauen aber denken. Und da sind interessante Perspektiven entstanden. Wir haben festgestellt, dass wir eine vielseitige Plattform von Leuten schon haben, die alle den gleichen Purpose verfolgen und wenn wir das so denken, ergeben sich auf einmal neue Handlungsfelder, bis hin zu der Idee, dass wir auch eine solche Plattform virtuell bauen wollen.

Was mich auch inspiriert, ist die Idee, dass man Abläufe häufig so definiert, dass jeder von irgendwem gesagt bekommt, was zu machen ist. Die Frage wäre aber: Wie muss das gebaut sein, damit die Leute es selbst herausfinden können? Wie kann ich mich als Mitarbeiter selbst an Bord bringen? Wie kann ich mich als Kunde einklinken? Als ein Beispiel für uns ist daraus ein „Self-Onboarding“ Prozess entstanden, als eine Art Geländer für neue Mitarbeiter, entlang dessen sie sich selbst erschließen können, wo sie was herkriegen und dabei von niemandem geführt werden müssen.

Was hat das Buch für TheDive Kunden zu bieten?
Das Buch ist für unsere Kunden ein Türöffner: Sie können damit sehen, dass die Idee von Organisationen als Lebewesen keine Utopie ist, sondern richtig viel Sinn macht. Viele unserer Thesen kriegen dadurch Unterstützung. Beispielsweise Kapitel Nummer Acht: Strategie ist nichts planerisches, sondern ein konstantes Durchführen von Experimenten. Das ist manchmal anstrengend, aber das würde ich Kunden mitgeben: Probieren und neu ausrichten. Ausprobieren ist das neue Planen.

Wie bist du auf das Buch gekommen?
Ich wollte eigentlich verstehen, wie man Communities innerhalb von Organisationen baut. Ich dachte, durch diese Tür bekommt man einen ganz anderen Spirit in einer Organisation. Jetzt ist die Antwort: Die ganze Organisation ist eine Community. Damit ist der Einstieg für Unternehmen ganz einfach: Wir lassen alles wie es ist und legen über unsere Pyramide ein Community-Modell wie es in „Connected Company“ gezeichnet wird. Ohne das bestehende Gerüst kaputt zu machen, können wir Schritt für Schritt verstehen, dass es auch ohne Gerüst funktioniert. Gerade den graduellen Übergang von einem klassischen Setup zu einem Community Setup, halte ich für einen spannenden Weg für Transformation.