Vom Bezahlen nach Gefühl

Wie funktioniert das „pay what feels right“-Prinzip? Und lohnt sich das? Solche und ähnliche Fragen bekommen wir immer wieder gestellt, seitdem wir im Januar unser Hörbuch+ Reinventing Organizations nach dieser Bezahl-Idee zum Download anbieten. Ein paar Antworten geben wir in diesem Blogbeitrag, für den wir uns auch mit anderen unterhalten haben, die ihre Leistung auf Basis freiwilliger Zahlungen anbieten.


 

Für unser Hörbuch+ Reinventing Organizations stand von Anfang an fest, dass wir es – genauso wie Frederic Laloux die Buchvorlage – zum „pay what feels right“-Prinzip anbieten wollten. Warum? Weil die Idee des Projekts war und ist, dass möglichst viele Menschen Zugang zu den Erkenntnissen bekommen – und weil wir darin vertrauen, dass diejenigen, die sich von unserem Hörbuch+ inspiriert fühlen, einen für sie angemessenen Betrag bezahlen.

Nachdem wir unser Hörbuch+ zum Download eingestellt hatten, waren wir gerade zu Beginn sehr gespannt und haben häufig die Zahlen gecheckt: Wie oft wurde der Downloadlink angefordert? Wie viele entschlossen sich dazu, finanziell zu unterstützen? Nach über sechs Monaten wurde der Link etwa 400 Mal angefordert, etwa 40 Hörer haben mit insgesamt 2000 Euro finanziell unterstützt und ermöglichen so den Beteiligten wie dem Sprecher, dem Studio und uns, dem Hörbuch+-Team, eine Aufstockung der niedrigen Honorare, die wir nach unserer Crowdfunding-Kampagne zahlen konnten.

Groß ist die Freude über höhere Beträge in manchen Wochen, gleichermaßen stellt sich hin und wieder Ratlosigkeit ein, wenn keine Zahlungseingänge zu verbuchen sind. Natürlich interpretieren wir neben den Downloads auch die Zahlungen als positives Feedback auf unsere Arbeit – und bemerken, wenn diese bestärkenden Rückmeldungen ausbleiben.

Hörbuch+ verpackt

Lebensunterhalt durch „pay what feels right“

Über das Auf und Ab, das dieses Bezahl-Prinzip nach sich zieht, kann Gesine Herrmann einiges erzählen. Gesines Jobtipps kann jeder abrufen, dreimal pro Woche finden sich aktuelle und mit viel Sorgfalt ausgesuchte Stellenausschreibungen für Jobs in den Bereichen Bildung, Kultur & NGOs. Die Auswahl ist kostenlos verfügbar, Gesine verweist aber auf die Möglichkeit der freiwilligen Zahlungen. „So lange ich davon leben kann, ist dieses Prinzip für mich die mit Abstand beste Variante: Jeder hat Zugriff auf die Jobtipps und entscheidet selbst, was sie ihm wert sind. Ich bin auf der anderen Seite unabhängig von Werbung und kann unbeeinflusst die Jobs zusammenstellen.“

Inspiriert wurde Gesine unter anderem von der „taz“, die schon seit 2011 zu freiwilligen Zahlungen für ihre Online-Artikel auffordert anstatt eine „paywall“ einzuführen, ähnlich verfährt auch „The Guardian“. Seit gut einem Jahr bietet Gesine die Anzeigen auf Basis freiwilliger Zahlungen an. Einmal monatlich legt sie alle Zahlen offen und macht transparent, wie viele Jobsuchende und wie viele Arbeitgeber ihr welche Summe überwiesen haben.

Die Transparenz ist mir sehr wichtig. Alle sollen wissen, was mit ihrem Geld passiert und die Möglichkeit haben, eigenverantwortlich die Entscheidung zu treffen, welcher Betrag für sie oder ihn der passende ist.

Dabei hat Gesine auch die Erfahrung gemacht, dass etwa höhere Zahlungseingänge einen Effekt auf den nächsten Monat haben: Konnte sie in einem Monat etwa Bruttoeinnahmen in Höhe von rund 3.000 Euro vermelden, fielen die Zahlungen im nächsten Monat deutlich geringer aus. Möglicherweise dachten einige Leser, Gesine sei versorgt. Oder es gab ganz andere Gründe, denn das gehört auch zum „pay what feels right“-Prinzip: Im Normalfall wissen wir nicht, warum jemand zahlt – oder eben nicht.

Foto von VisualHunt.com

Ich zahle, also bin ich?

Welche Aspekte machen die Bezahl-Entscheidung aus? Eine junge Forschergruppe hat das „pay what feels right“-Prinzip untersucht und im wesentlichen vier Punkte benannt:

  • Fairness als soziale Norm: Wir haben gelernt, dass derjenige, der eine Leistung erbringt oder ein Produkt herstellt, dafür entlohnt wird. Verletzen wir diese soziale Tauschnorm, bekommen wir ein schlechtes Gewissen.
  • Altruismus: Ein inneres Bedürfnis, dafür zu sorgen, dass es anderen besser geht. Es macht sie glücklich und deshalb bezahlten sie gerne – auch mehr als sie müssten.
  • Sozialer Druck: Niemand möchte gerne als knickrig oder gar als Zechpreller gelten. Das ist vor allem dann der Fall, wenn andere beobachten, ob und wie viel man bezahlt.
  • Strategie: Gefällt die Leistung oder das Produkt, möchte der Käufer, dass das Angebot weiter besteht. Also kalkuliert er einen Preis, bei dem der Anbieter keinen Verlust macht.

Oft werden Vorschläge gemacht, in welchem Rahmen sich die Beträge bewegen können. Denn sich die Kaufsumme selbst zu überlegen, führt auch zu Verunsicherung und wird vielleicht sogar als anstrengend empfunden. Allerdings ist es bei weitem nicht so, dass im Falle von festgesetzten Preisen alle dasselbe zahlen. Der Sitz im Flugzeug ist dafür nur ein Beispiel, bei dem sich anhand mehrerer Faktoren entscheidet, wie viel jemand für den identischen Gegenwert bezahlt. Die Airline legt für sie wirtschaftliche Ticketkontingente zu unterschiedlichen Preisen fest. Aus Käufersicht hängt der Preis mit dem Buchungszeitpunkt zusammen, Wissen über Buchungswege und Zeit für die Beobachtung der Preisentwicklung sind weitere Faktoren.

Reagiert der Kunde bei solchen Prozessen auf die Vorgaben, setzt das „pay what feels right“-Prinzip auf Eigenverantwortlichkeit und fördert die Ideen von Wechselseitigkeit und Partizipation. Das greift mit unserem Hörbuch+ ineinander, das wir als ein Dialogangebot verstehen. Wir liefern keine fertigen Konzepte für sinnstiftende Zusammenarbeit oder „teal organizations“, sondern wünschen uns, dass andere den Ball aufnehmen und die Ansätze weiterentwickeln. Die Haltung hinter der Entscheidung für das Bezahl-Prinzip entspricht also unserem Umgang mit dem Produkt.

Foto von Jarmoluk / VisualHunt

Wenn der Hut rumgeht

Diese Idee scheinen viele Menschen zu teilen. Wer sich in einem kreativ-urbanen Umfeld bewegt, begegnet dem Prinzip der freiwilligen Zahlungen immer wieder: Yogastunden auf Spendenbasis, Konzerte oder Lesungen in Hinterzimmern, bei denen in der Pause ein Hut herumgeht. Die Soli-Party, bei der die Gäste mit einem frei gewählten Betrag andere Menschen unterstützen. Gleiches gilt für Workshops und Weiterbildungsformate: Vom Berufsorientierungsseminar bis zur Heldenreise nach Rebillot reicht die Palette. In vielen Ländern dieser Welt gibt es auch Restaurants, die nach dem „pay what feels right“-Prinzip Essen anbieten.

Dabei scheint eines deutlich zu werden: Reich wird man mit dem partizipativen Bezahl-Ansatz eher nicht. Ein gastronomischer Betrieb, der diesen Weg seit über 20 Jahren geht, ist die „Weinerei“ in Berlin-Mitte. Es gibt mehrere Lokale und auch einen Weinladen, die zur Weinerei gehören. Dass Gäste selbst entscheiden können, wie viel sie für Essen und Getränke zahlen wollen, gilt allerdings nur Abends.

Tagsüber haben die Gäste keine Zeit und wollen klare Ansagen haben,“ sagt der Besitzer Jürgen Stumpf.

Nicht alle Gäste zeigen den gleichen Respekt und die Wertschätzung für das Angebot und manche wurden auch schon gebeten, nicht wiederzukommen. Jürgen vergleicht diese Launen mit dem Wetter aber auch monatliche Schwankungen sind spürbar. Am Anfang des Monats sitzt das Geld lockerer als am Ende des Monats. Skandinavische Touristen zahlen mehr, weil sie höhere Preise gewohnt sind, andere, vor allem jüngere Touristengruppen, sind auch schon negativ aufgefallen. Ähnlich unterschiedlich sind die Gespräche zwischen Mitarbeitern und Gästen. Zahlt jemand gar nicht, wird der fehlende Respekt auch angesprochen. Für manche Gäste führt das Prinzip freiwillig zu zahlen auch in eine abendfüllende Diskussion untereinander.

Nicht alle Mitarbeiter können mit dem zusätzlichen Aufwand, mit Gästen darüber zu sprechen, umgehen. Aber es gibt genug, die bleiben. Für Jürgen funktioniert das Prinzip und die Geschäfte tragen sich so gut, dass er auch nach so vielen Jahren dabei bleiben möchte.

 

Individuelle Ausgestaltung

So wie bei unserem Hörbuch+ steckt in vielen dieser Angebote der Wunsch, möglichst vielen Menschen Zugang zu Erkenntnissen oder Erfahrungen zu ermöglichen. Und es ist ein Vertrauensvorschuss nötig, um diesen Weg zu gehen: Wer davon ausgeht, dass keiner bezahlen wird, braucht nichts nach diesem Prinzip anzubieten. Umso dankbarer sind wir, dass wir von unseren Unterstützern auf diesem Weg bestätigt werden.

Auch Upstalsboom hat sich entschieden, den Dokumentarfilm über die Entwicklung der Hotelkette nach dem „pay what feels right“-Prinzip anzubieten. „Stille Revolution“ wird voraussichtlich ab Herbst 2017 zum Download zur Verfügung stehen, zurzeit bringt ein Team dort ein auf die Organisation abgestimmtes Konzept auf den Weg: Neben den freien Beträgen wird man auf der Website zum Film die gemeinnützigen Projekte des Unternehmens unterstützen können. „Das ist unsere Variante des ‚pay what feels right‘-Prinzips. In den Teambesprechungen wurde deutlich, dass es so am besten zu uns passt“, erzählt Johanna Brons.

Auch wir glauben, dass dieses Bezahl-Prinzip genau das richtige für das Hörbuch+ ist – und freuen uns über weitere Mitstreiter und Austausch über individuelle Ausgestaltungsformen.

DIE STILLE REVOLUTION – TRAILER