Was hat Ehre mit New Work zu tun?

Ehre ist für viele Menschen ein vorbelasteter Begriff. Auch für die Teilnehmer*innen des Deep Talks von GesellschaftSEIN, die sich in der Base1 zusammengefunden haben, um über das Menschliche in der Arbeitswelt zu sprechen. Wie jedes Mal entscheiden die Teilnehmer des Deep Talks im Laufe des Abends, welche Themen sie diskutieren wollen.

Auf den ersten Blick hat Ehre erstmal wenig mit dem Thema des Abends zu tun: „Potentiale zur Gesundheitsförderungen von Mitarbeiter_innen identifizieren und diskutieren, wie diese etabliert werden können.“ Sperrig, oldschool ist Ehre für einige Teilnehmer konnotiert durch Kindheitserinnerungen („Du sollst deine Großeltern ehren“) oder erinnert an den Verlust der Ehre, die durch ein Duell wieder hergestellt werden muss. Der Wissenschaftler Winfried Speitkamp definiert den Begriff im Deutschlandfunk Kultur als eine „Mischung aus Selbstachtung und Achtung durch andere“. Wikipedia spricht von „Achtungswürdigkeit“ oder „verdientem Achtungsanspruch.“

Der Begriff der Ehre, eingebracht von Gabriele Sigg, die dazu forscht, stößt aber genau die Diskussion an, die für Organisationen im Wandel zentral ist: Wie kann die Arbeits- und Führungskultur von Organisationen so gestaltet werden, dass sie offen, wertschätzend und respektvoll mit den Mitarbeiter*innen und der Umwelt funktioniert? Dass Potenziale erkannt, genutzt und entfaltet werden können?

Der Anfang für einen solchen Wandel beginnt im Inneren eines jeden Einzelnen. Dazu passte die Meditation, die Kun Ya Andrea Schmidt und Alina Hodzode, Gründerinnen der Initiative GesellschaftSEIN, für den Einstieg des Abends gewählt haben. Sich seiner Selbst bewußt werden, den Körper und Atem spüren, die Gedanken, Gefühle und Glaubenssätze als solche wahrnehmen und Abstand von ihnen gewinnen, um nach zu horchen, was darunter liegt.

Auf das Angebot, selbst eine Frage in die diverse Runde des Abends zu geben, kam neben dem Ehrbegriff noch eine weitere grundlegende Frage hinzu: Wie können die Ideen, um ein nachhaltigeres Leben und Arbeiten, heute tatsächlich Mainstream werden, obwohl sie doch schon seit vielen Jahrzehnten diskutiert und weltweit auch praktiziert werden? Wie verstetigen wir die Wandlung zu einer menschen- und umweltfreundlichen Lebensweise?

Die Diskussion wurde trotz der Schwere und Komplexität achtsam geführt. Wir saßen im Kreis, jeder konnte zu Wort kommen und die Stimmung war sehr einladend, so dass sich auch fast alle beteiligt haben. Zentrale Momente im Gespräch waren, dass der Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung uns nicht lähmen sollte, sondern wichtiger Teil der Auseinandersetzung ist. Genauso wichtig wurde der eigene Handlungsspielraum benannt. Sich selbst bewußt zu machen, wo man handeln kann. Letztlich sei jede Situation immer auch ein Angebot, daraus etwas für sich zu lernen, sich durch sie zu entwickeln. Wenn wir uns selbst achten, hieß es, dann lassen wir nicht mehr so viel zu. Wir könnten stattdessen unsere Macht nutzen, „Nein“ zu sagen und etwas zu verändern, wo wir sind.

Hier knüpfen auch die Ideen des Neuen Arbeitens an, wenn es beispielsweise in der sinnorientierten Selbstorganisation darum geht, sich zu fragen, wofür brenne ich? Was zieht mich? Was ist meine innere Motivation, aus der heraus ich agiere und mit anderen mich organisiere? Was will ich machen und was auch nicht?

Das wiederum ist auch die Grundlage einer guten Beziehung zu sich selbst und zu anderen: Die eigenen Grenzen gut kennen und die der anderen achten. Auch in der Arbeitswelt. Das kostet durchaus Mut, Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen, denn oft genug wird das Ergebnis noch mehr wertgeschätzt als der Prozess, so stellte auch die Runde im Deep Talk fest.

Es gibt keinen goldenen Weg , nicht die eine Antwort auf die zum Teil sehr komplexen Fragen, die auftauchten: Was macht der Materialismus, die Leistungsgesellschaft mit uns, was macht es mit uns, ständig nach unser Leistung bewertet zu werden und danach, was wir besitzen. Wie könnte es sein, geschätzt zu werden für das, was wir sind, nur für unsere Existenz? Wie könnte die Gesellschaft aussehen, in der wir uns mit unseren Stärken gegenseitig unterstützen? Was würde das mit uns machen? Nicht zu denken, wir konkurrieren um immer weniger, sondern ein Mehr für mich bedeutet auch ein Mehr für dich. Was kann ich für dich tun, statt was möchte ich von dir haben?

Zum Schluss wurde noch die These diskutiert, ob es kollektive Traumata gibt und wenn diese bearbeitet würden, stiege dann auch die Selbstachtung und die Achtung untereinander? Der Körper spielt dabei eine Schlüsselrolle. Er ist wie ein Speicher für all die Erfahrungen auch vergangener Generationen. Über die Arbeit mit dem Körper, kann wer will, Zugang zu diesen Erinnerungen bekommen, sie lösen und so mehr Frieden finden, so die These. Das Herz kann uns leiten, wenn wir es lassen, fügte sich zum Schlusswort der Diskussion.

Der Aufbau der Diskussion folgte den Stufen, die man aus Bewusstseinsschulungen kennt. Wir sind uns zuerst über die Meditation unserer Körper bewußt geworden, haben uns über unsere Gefühle und Gedanken ausgetauscht, um dann darüber zu sprechen, wie wir Unternehmen und größere gesellschaftliche Zusammenhänge wahrnehmen und in ihnen wirken.

Der nächste Deep Talk findet am 07.06. in Berlin bei Microsoft Ventures Accelerator statt. Mehr Infos findet ihr auf der Seite von GesellschaftSEIN.

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