Wenn alles unsicher ist

Die Unconference „Prototyping the Future of Work – Voices from San Francisco and Berlin“ war schon vor Beginn am 14. Dezember ausverkauft. Was dort passierte, lest ihr hier:

Mit nur 300 Likes auf Facebook können Datenanalysten besser vorhersehen, wie ich mich verhalten werde, als mein Partner es einschätzen könnte. Mit ein paar mehr Klicks verrate ich sogar mehr über mich als ich selber zu wissen glaube. Alles wird vorhersehbar, wenn wir nur genug Daten zur Verfügung haben.

Für die Zukunft unserer Arbeitswelt ist paradoxerweise gerade nicht die Vorhersehbarkeit die relevante Größe, mit der die Pioniere der New Work Bewegung wie die Kollegen von responsive.org arbeiten, sondern das Unvorhersehbare. Im alten Denken unserer Wirtschaftswelt, in der zwar Veränderungen stattfanden aber nicht so rasend schnell wie das heute passiert, konnte geplant werden, was passieren wird. Zukünftig ist eine Organisation dann reaktionsschnell, wenn sie sich darauf konzentriert, in einem Welt zu agieren, die morgen schon ganz anders aussieht als heute.

Ein guter Ort, um sich mit der Zukunft der Arbeit auseinanderzusetzen, ist demnach keine durchstrukturierte Konferenz mit vorgegebenen Vorträgen und Arbeitsvorlagen, sondern ein Open Space Format, auch Unconference genannt. Alle können sich einbringen und es ist völlig unsicher, was passieren wird. Umso wichtiger ist es, dass alle Teilnehmer sich sicher genug fühlen, um ihre Wünsche, Gedanken und Anliegen einzubringen. Wieder so ein Paradox. Wie sollen wir uns sicher fühlen, wenn wir uns nicht kennen?

Foto: Emily Thomey
Foto: Emily Thomey

Die Organisatoren von „Prototypen the Future of Work“ haben ein gelungenes Setting gewählt. Wie bei jeder guten Hausparty die Küche Zentrum des Geschehens ist, hat der Mitorganisator Babbel seine Kantine leer geräumt und mit einem leckeren, umfangreichen Buffett, Getränken und einer umwerfenden Schokotarte die Teilnehmer begrüßt. Die erste Hürde für guten Austausch war damit genommen.

Bevor es dann um die Strukturierung der sogenannten Breakouts, der kleineren Gesprächsrunden ging, gab es einen zweiten Trick um Sicherheit, Vertrauen und Empathie unter den Teilnehmern zu wecken:

„Sucht euch einen Patz im Raum und schließt die Augen. Atmet ein, atmet aus. Konzentriert euch auf die Geräusche im Raum. Bewertet sie nicht. Lasst sie gehen wie Wolken am Himmel. Ihr seid willkommen.“

So banal und einfach die geführte Mediation von einem der Moderatoren klingt, der Effekt ist für alle Anwesenden, die sich darauf einlassen, spürbar. In der darauffolgenden Kennenlernrunde, laufen wir achtsamer durch den Raum, schauen uns in die Augen, bleiben vor Unbekannten stehen und erzählen uns, warum wir hier sind, was wir wollen und welche Qualität wir in den Austausch geben wollen.

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In den Gesprächsrunden wurde beispielsweise darüber diskutiert, dass kollaborative Führung uns in Zukunft wegführt von Entscheidungen, die an der Spitze getroffen werden, hin zu geteilter Verantwortung im Team. Kleine Teams haben es dabei einfacher als größere Teams nicht in alte Hierarchien zu verfallen. Wie gerade in größeren Gruppen wie beispielsweise Schulen dennoch ein Wandel im Mindset stattfinden kann, hat eine andere Gruppe diskutiert und Vorschläge entwickelt, wie einzelne Pioniere durch Videomaterial oder kleine Minikonferenzen die Vorteile einer neuen Arbeitskultur kennenlernen, um diese Erkenntnisse dann weitergeben zu können.

Das Spektrum der Teilnehmenden war sehr breit, so dass es sogar eine Session gab, in der es darum ging, wie New Work Konzepte in Organisationen initiiert werden können. Eine Frage, die einen Mitarbeiter der Berliner Sparkasse genauso interessiert hat wie Mitarbeiter der Berliner Kommunikationsagentur TLGG, die mit selbstführenden Strukturen experimentieren und Gerhard Huhn, Gründer der Berliner Flow Akademie. Huhn beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit den Ideen, auf die die New Work Bewegung aufbaut. Heute, so erzählt er, sind die chaotischen Zustände, mit denen wir arbeiten müssen gerade die Chance, um umzusetzen, was schon solange über produktive, sinnstiftende Zusammenarbeit bekannt ist:

„Die alten Konzepte funktionieren einfach nicht mehr. Die reine Geldorientierung, die Macht, die die Controller bekommen haben, haben sich als Fehlentwicklung erwiesen.“

Ihm mache Mut zu sehen, dass die Sinnsuche die brennende Frage in Arbeitszusammenhängen geworden ist. Welche der Antworten, die die Teilnehmer der Unconference für sich mitnehmen, sie umsetzen, bleibt unvorhersehbar aber jeder, der möchte, kann unter responsive.org Teil der Unterhaltung werden.