Prototyp Konferenz – die Work Awesome in Berlin

Wer die „Alte Mütze“ in Berlin nicht kennt, der konnte auf dem Weg zur Work Awesome Konferenz zwischen Jannowitzbrücke und der B1 verloren gehen. In einem Hinterhof haben nur kleine Schilder und neonfarbene Pfeile auf dem Boden den rund 300 Besuchern gezeigt, wo es lang geht. Umso schöner war dann der Konferenzsaal und das Setting, dass die beiden Veranstalter Lars Gaede und Felix Zeltner mit ihrem Team ausgesucht haben. Der Saal, von zwei Fensterfronten gesäumt, war am Morgen des 30. November in Sonne getaucht und zwischen den Partnerlogo-Brandings hindurch fiel der Blick auf die Spree.

Den Ansturm der ausverkauften ersten Berliner Ausgabe der Konferenz haben die helfenden Studenten wunderbar gemeistert und das Programm konnte sich sehen lassen: ganze 14 Panels, Talks und Vorträge in nur einem Tag anzubieten, kann kaum eine Konferenz von sich behaupten. Es hat sich aber gelohnt, die Slots kurz zu halten und möglichst viel Gesprächsraum zu bieten.

Den Anfang haben Viktor Meyer-Schönberger vom Oxford Internet Institute und Thomas Range von Brandeins gemacht. Zusammen haben sie das Buch „Das Digital“ geschrieben. Darin schreiben sie über Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit. Ihre Utopie eines Datenkapitalismus, in dem es „uns allen besser geht“ klingt wunderbar und gleichzeitig ist völlig klar, dass die großen Datenmonopolisten jetzt schon mit Big Data, Automatisierung und Künstlicher Intelligenz das neue Kapital – unsere Daten – für sich einstreichen.

Wie können wir an diesem Reichtum teilhaben? Moderator Lars Gaede schafft es auch in dem komplexen Feld, seine Gäste zu klaren Antworten zu bringen: Für Range und Meyer-Schönberger liegt die Lösung auf der Work Awesome Bühne darin, dass „der Staat seine Rolle als Wettbewerbshüter endlich wieder zurück erobert.“ Der Staat ist in diesem Falle für Range und Meyer-Schönberger die Europäische Union, die genug Kraft habe, die Datenmärkte zu regulieren. Vor den großen Monopolisten und Oligopolisten zu kapitulieren, kann, so Meyer-Schönberger, schließlich keine Lösung sein.

Neues Framework für Organisationen

Neben den gesellschaftlich brisanten Themen gab die Work Awesome auch praxisorientierte Einblicke in Großkonzerne wie IBM, Audi oder L’Oréal. Unser Kollege Sebastian Klein hat zusammen mit Charlotte Yasin von Audi Business Innovation das neue Framework „The Loop Approach“ vorgestellt. Nach einer kurzen Einführung von Sebastian ging es in dem Talk vor allem um die Erfahrungen, die unsere Partner von Audi mit dem „Loop Approach“ gemacht haben.

Wie können wir statt zu planen und zu kontrollieren in Organisationen neuen Typs, „sense and response“ umsetzen? Es gibt unzählige Methoden und Tools von Holacracy über Scrum bis hin zu Design Thinking – aber was funktioniert, für welche Organisation und wie? Die DNA einer Organisation umzustricken und die Mitarbeiter*innen auch mitzunehmen, ist herausfordernd und kann überfordern. Wie kann die Ellenbogenmentalität, die in den meisten Unternehmen herrscht zu einer kollaborativen Arbeitsatmosphäre gedreht werden? Wie kann rollenbasiert, transparenter und lösungsorientiert gedacht werden? Alle Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. Menschen sind genauso wie Organisationen komplex, unberechenbar und zum Glück auch wandelbar. Mit unseren Partner von Audi geht es vor allem darum, zu sehen, was von den bereits existierenden Arbeitsstrukturen gut funktioniert und herauszufinden welche Schwierigkeiten mit den verschiedenen Methoden verbessert werden können.

Aber nicht nur Großkonzerne haben Einblicke in die DNA ihrer Organisation geboten, auch erfolgreiche Start-Ups wie Komoot oder Book a Tiger haben verraten, wie sie die Digitalisierung und Globalisierung meistern. Komoot beispielsweise arbeitet mittlerweile nur noch remote, sprich jeder kann – fast egal von wo – mitarbeiten. Einzige Bedingung ist die Kernarbeitszeit von 10 bis 15 Uhr, in der jeder innerhalb von zehn Minuten erreichbar sein sollte. Damit sind natürlich Menschen in Zeitzonen wie San Francisco ausgeschlossen, aber Nachteulen können ihre Aufgaben, die ohne Abstimmung laufen, machen, wann sie wollen.

Jeder, der schonmal Teil einer Telefonkonferenz war, weiss um die grausigen Bedingungen, die digitale Meetings mit sich bringen können. Für Komoot ist die Lösung nicht Skype, sondern Zoom – eine Webkonferenz Software, die reibungsloser funktioniert, so Jonas Spengler von Komoot. Außerdem ist es aber noch wichtiger, dass jeder Gesprächsteilnehmer an seinem eigenen Rechner sitzt, damit alle die gleichen Teilnahmebedingungen haben. Nur so kann gewährleistet werden, dass wirklich alle mitreden können. Wer noch nie an einer Telefonkonferenz teilgenommen hat, der kann hier humorvoll umgesetzt sehen, was alles schief gehen kann:

Die Atmosphäre auf der Work Awesome war sehr offen und alle Teilnehmer erstaunlich gesprächig. Während der Talks und Panels war es sogar manchmal zu laut im Saal, da sich direkt hinter der Sitztribüne bei Kaffee und Snacks viel ausgetauscht wurde. Den Speakern gelang es aber immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, was nicht zuletzt daran lag, dass die Bühne im Fischbowl-Prinzip durch zwei weitere Stühle in verschiedenen Talks für das Publikum geöffnet wurde, was rege genutzt wurde. In Vorbereitung auf die Konferenz gab es zudem schon im Vorfeld Austausch zwischen den Teilnehmern, die sich bei einem Dinner bereits kennenlernen konnten. Eine gute Voraussetzung, um zwischenmenschliche Hemmungen zu senken.

Wir durften als Partner, Inputgeber, Mitdiskutierende, Pre-und-After-Work-Awesome-Feiernde dabei sein. Es war große Klasse zu sehen, wie Lars Gaede, Felix Zeltner und ihr Team diesen Prototypen einer Konferenz erfrischend offen, beweglich und veränderlich gestaltet haben. Wer bei laufendem Livestream und Diskussion die Slides auf dem Rechner ändert, nur ein bedrucktes DIN A4 Blatt als Programmheft verteilt und wirklich jede Minute eines einzigen Tages nutzt, beweist, dass die Fassade einer Konferenz nicht so wichtig ist, wenn die Qualität so stimmt wie bei der Work Awesome.